Wie eng die industrielle Zukunft Nordrhein-Westfalens mit den europäischen Seehäfen verbunden ist, wurde bei einer Delegationsreise der CDU-Landtagsfraktion nach Antwerpen besonders deutlich. Im Mittelpunkt standen der Port of Antwerp-Bruges, das dortige Chemiecluster und die Frage, wie Wasserstoff und andere Energieträger künftig über grenzüberschreitende Pipelines die Industrie in Nordrhein-Westfalen erreichen können.

Der Hafen von Antwerpen ist für Nordrhein-Westfalen weit mehr als ein Umschlagplatz an der Nordsee. Er ist ein wichtiger Zugang zu internationalen Rohstoff-, Energie- und Warenströmen und zugleich Standort eines bedeutenden europäischen Chemieclusters. Für ein Industrieland wie Nordrhein-Westfalen ist diese Verbindung von strategischer Bedeutung.

„Wenn wir über die Zukunft unserer energieintensiven Industrie in Nordrhein-Westfalen sprechen, müssen wir europäisch denken. Antwerpen und NRW gehören für mich zu einem gemeinsamen Industrieraum. Unsere Unternehmen brauchen Zugang zu Rohstoffen, Energie und künftig vor allem zu klimafreundlichen Molekülen zu wettbewerbsfähigen Bedingungen“, so die Landtagsabgeordnete Dr. Patricia Peill.

Zu Gast bei Evonik im Chemiecluster Antwerpen

Besonders anschaulich wurde diese Verbindung beim Besuch von Evonik⁠. Antwerpen ist der größte Evonik-Standort außerhalb Deutschlands. Auf dem 109 Hektar großen Gelände werden unter anderem Rohstoffe für Tierfutter, Silikone, Bindemittel für Lacke und Druckfarben sowie Komponenten für Autoreifen hergestellt.

Dabei bestehen unmittelbare Parallelen zu Nordrhein-Westfalen: Auch Marl und Wesseling gehören zu den großen integrierten Produktionsstandorten von Evonik. Im Chemiepark Marl arbeiten rund 10.000 Menschen; etwa 100 Produktionsanlagen sind dort über Stoff- und Energieströme miteinander verbunden

In den Gesprächen in Antwerpen ging es deshalb nicht allein um einzelne Produktionsstandorte, sondern um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Chemieindustrie insgesamt: Energiepreise, Versorgungssicherheit, Infrastruktur und die Frage, wie neue Energieträger zuverlässig zu den industriellen Verbrauchern gelangen.

Die Pipeline entscheidet mit über die Zukunft der Industrie

Eine Schlüsselrolle spielt dabei Wasserstoff. Für Peill ist entscheidend, die Diskussion nicht bei Erzeugungszielen und Importmengen stehen zu lassen:

„Für unsere Unternehmen zählt am Ende nicht, wie viele Tonnen Wasserstoff irgendwo verfügbar sind. Entscheidend ist, ob er zuverlässig und zu wettbewerbsfähigen Preisen tatsächlich im Rheinland und im Ruhrgebiet bei den Unternehmen ankommt. Dafür brauchen wir die Pipelines.“

Mit H₂ercules haben OGE und RWE eine Infrastrukturinitiative entwickelt, die Verbraucher im Westen und Süden Deutschlands sowohl mit heimisch erzeugtem als auch mit importiertem Wasserstoff verbinden soll.

Von besonderer Bedeutung für die Verbindung mit Belgien ist H₂ercules Belgium. Die geplante Leitung soll vom deutsch-belgischen Grenzraum bei Lichtenbusch nahe Aachen bis nach Köln führen. OGE gibt für den rund 27 Kilometer langen deutschen Abschnitt derzeit eine geplante Fertigstellung im Jahr 2028 an. Parallel koordinieren OGE und der belgische Netzbetreiber Fluxys den Aufbau ihrer Netze, um das belgische Wasserstoffnetz mit dem deutschen H₂-Kernnetz zu verbinden. Damit kann perspektivisch auch über belgische Importhäfen bezogener Wasserstoff nach Deutschland gelangen.

Nicht nur Antwerpen: mehrere Importwege für NRW

Für die Versorgungssicherheit Nordrhein-Westfalens ist es wichtig, nicht von einem einzigen Importweg abhängig zu sein. Neben der belgischen Verbindung entsteht deshalb ein Netz unterschiedlicher Korridore.

Dazu gehört der Delta Rhine Corridor (DRC), der Wasserstoff aus Rotterdam nach Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus transportieren soll. OGE nennt hierfür eine vorgesehene Kapazität von 144 GWh pro Tag.

Ein weiterer Baustein ist der Nordsee-Ruhr-Link, der den Importkorridor von der deutschen Nordseeküste in Richtung Ruhrgebiet stärken soll. Teile dieses Systems befinden sich bereits in konkreten Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Damit zeichnet sich für NRW langfristig eine wichtige strategische Struktur ab: Zugang zu unterschiedlichen Nordseehäfen, grenzüberschreitende Netze und die Verbindung dieser Importwege mit den großen industriellen Verbrauchszentren im Rheinland und im Ruhrgebiet.

Infrastruktur ist Industriepolitik

Für Peill ist der Besuch in Antwerpen deshalb auch eine industriepolitische Botschaft für Nordrhein-Westfalen:

„Wir können von unseren Unternehmen Transformation und Investitionen verlangen. Dann müssen wir aber auch die Voraussetzungen schaffen, damit diese Investitionen bei uns stattfinden können. Dazu gehören wettbewerbsfähige Energiepreise, Planungssicherheit und vor allem die notwendige Infrastruktur.“

Gerade für Chemie, Stahl und andere energieintensive Branchen werde die Verfügbarkeit von Wasserstoff und weiteren klimafreundlichen Energieträgern zunehmend zu einer Standortfrage.

„Die Industrie denkt längst in europäischen Wertschöpfungsketten. Unsere Infrastruktur muss das ebenfalls tun. Antwerpen, Rotterdam, das Rheinland und das Ruhrgebiet dürfen wir deshalb nicht getrennt betrachten. Wir müssen daraus einen leistungsfähigen europäischen Energie- und Industrieraum machen.“

Der Besuch im Port of Antwerp-Bruges und die Gespräche bei Evonik hätten deutlich gemacht, dass die Transformation der Industrie nicht allein eine Frage neuer Technologien sei. Entscheidend werde sein, ob Europa seine Häfen, Energieimporte, Pipelines und industriellen Zentren rechtzeitig miteinander verbinde.

Für Nordrhein-Westfalen ist diese Verbindung eine Voraussetzung dafür, auch künftig ein starker Industriestandort im Herzen Europas zu bleiben.