Erkenntnisse aus der Reise in die Lausitz und nach Schlesien

Nach drei Tagen in der Lausitz nehme ich großen Respekt mit für das, was dort entsteht. In Cottbus werden aktuell enorme Investitionen gebündelt. Allein die Universitätsmedizin umfasst rund 3,7 Milliarden Euro, hinzu kommen große Bahn- und Infrastrukturprojekte. Insgesamt entstehen dort etwa 1.500 bis 1.800 neue Arbeitsplätze. Das ist kraftvoll, sichtbar – und ein echtes Signal für die Region.

Gleichzeitig habe ich vor Ort sehr deutlich gespürt, dass dieser Wandel nicht überall gleichermaßen ankommt. Gerade im ländlichen Raum zeigt sich eine andere Realität: Gut bezahlte Arbeitsplätze in den Städten ziehen Fachkräfte ab, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen verlieren Personal, kleinere Kommunen haben oft nur begrenzten Zugang zu Fördermitteln. Viele Menschen erleben den Wandel in ihrem Alltag kaum. Der Wandel ist sichtbar – aber nicht überall spürbar.

Und genau hier liegt für mich ein entscheidender Unterschied zu unserem Weg im Rheinischen Revier. Wir haben uns ganz bewusst für einen anderen Ansatz entschieden: von unten nach oben, mit breiter Beteiligung, vielen Konferenzen und einem gemeinsamen Reviervertrag zwischen Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Unser Anspruch war von Anfang an klar: Jede betroffene Kommune soll profitieren.

Heute sehen wir, dass dieser Weg wirkt. Es entstehen Projekte in der Fläche, Arbeits- und Ausbildungsplätze vor Ort und Investitionen, die auch die Lebensqualität verbessern – sei es bei Betreuung, Infrastruktur oder im Alltag der Menschen. Natürlich läuft nicht alles perfekt. Bürokratie, langsamer Mittelabfluss und notwendige Lernprozesse gehören auch dazu. Aber entscheidend ist: Die Mittel kommen an – und sie kommen in der Breite an.

Mein Fazit aus der Lausitz ist deshalb klar: Ich habe großen Respekt vor der Dynamik vor Ort. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir im Rheinischen Revier für uns den richtigen Weg gewählt haben. Strukturwandel darf nicht nur groß gedacht werden und sich auf wenige Oberzentren konzentrieren. Er muss vor allem in der Fläche wirken und den ländlichen Raum stärken. Genau das gelingt uns – mit vielen Projekten in den Kommunen, mit Strukturwandelmanagern, mit Initiativen im Tagebauumfeld und mit innovativen Gewerbeflächen.

Ein weiterer wichtiger Baustein meiner Reise war der Austausch in Woiwodschaft Schlesien. Dort konnte ich mir ein umfassendes Bild vom Strukturwandel machen – von großen Stahlwerken und Steinkohlezechen über den Automobilstandort von Stellantis bis hin zu modernen Technologiezentren. In Gesprächen mit dem Regionalparlament, dem Marschall der Woiwodschaft sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Diplomatie wurde deutlich: Der Wandel wird hier konsequent und mit klaren wirtschaftspolitischen Instrumenten gestaltet.

Ein zentrales Element ist die Sonderwirtschaftszone, die seit 2018 auf ganz Polen ausgeweitet wurde. Steuerliche Anreize von bis zu 40 Prozent, enge Begleitung von Investoren sowie schnelle Verfahren und Planungssicherheit zeigen eine beeindruckende Wirkung. Das ist wirkungsvoll und verdient Anerkennung.

Gleichzeitig habe ich mir eine zentrale Frage gestellt: Was trägt diese Dynamik langfristig? Welche Faktoren sichern Wettbewerbsfähigkeit über Förderungen hinaus? Wie entsteht nachhaltige Wertschöpfung vor Ort – durch Fachkräfte, Infrastruktur und starke Netzwerke?

Mein Eindruck ist: Schlesien setzt sehr stark auf Anreize. Der nächste Schritt wird sein, daraus eine dauerhaft eigenständige wirtschaftliche Stärke zu entwickeln.

Für uns im Rheinischen Revier bedeutet das: genau hinschauen, vergleichen und die richtigen Schlüsse für unsere eigenen Rahmenbedingungen ziehen. Denn am Ende geht es darum, den Strukturwandel so zu gestalten, dass er nicht nur heute wirkt – sondern auch morgen noch trägt.