Wer bestimmt künftig, was wir für wahr halten? Was passiert, wenn wir irgendwann nicht mehr selbst auswählen, welche Informationen wir sehen – sondern eine künstliche Intelligenz diese Auswahl für uns trifft?
Diese Frage stand für mich im Mittelpunkt eines sehr spannenden Besuchs beim NATO Strategic Communications Centre of Excellence in Riga.
Dabei ging es um weit mehr als Fake News und manipulierte Bilder. Es ging um eine grundlegende Veränderung unserer Informationswelt – und damit um die Zukunft unserer Demokratie.
Ein einfaches Beispiel: Zwei Menschen interessieren sich für dasselbe politische Thema. Schon heute können ihnen soziale Netzwerke aufgrund ihres bisherigen Verhaltens völlig unterschiedliche Beiträge anzeigen. Mit künstlicher Intelligenz kann diese Personalisierung noch sehr viel weiter gehen. Jeder erhält zunehmend seine eigene, auf ihn zugeschnittene Informationswelt.
Was geschieht aber mit einer Demokratie, wenn uns irgendwann die gemeinsame Grundlage fehlt, über die wir miteinander streiten können?
Wenn KI zum persönlichen Ratgeber wird
Ein Gedanke des Vortrags hat mich besonders beschäftigt: die sogenannte „Crisis of Knowledge Authority“ – die Krise der Wissensautorität.
Viele Menschen fragen heute schon eine KI, wenn sie etwas wissen möchten. Künftig könnte sie uns noch viel stärker begleiten: als Assistent, Ratgeber oder sogar emotionaler Gesprächspartner.
Das ist zunächst eine enorme Chance. Aber es stellt eine entscheidende Frage: Wer bestimmt eigentlich, auf welcher Grundlage die KI ihre Antworten gibt?
Noch problematischer wird es, wenn nicht mehr nur einzelne Falschinformationen verbreitet werden, sondern gezielt die Daten manipuliert werden, mit denen KI-Systeme lernen. Dann wird nicht nur eine falsche Nachricht in Umlauf gebracht – möglicherweise wird die Grundlage beeinflusst, auf der Millionen zukünftiger Antworten entstehen.
Eine neue Dimension der Sicherheit
Deshalb wird der Informationsraum zunehmend auch zu einem sicherheitspolitischen Raum.
Staatliche und nichtstaatliche Akteure können künstliche Intelligenz nutzen, um gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen. Autonome Systeme können in Zukunft sogar gegeneinander antreten. Die Experten sprechen vom „algorithmischen Schlachtfeld“.
Und die Entwicklung geht weiter: Wenn KI mit Wearables und Neurotechnologien verbunden wird, können auch Daten über menschliches Verhalten, Emotionen und Aufmerksamkeit strategisch relevant werden.
Das klingt zunächst weit entfernt. Vieles davon befindet sich noch in der Entwicklung. Gerade deshalb müssen wir heute darüber sprechen, welche Grenzen wir setzen wollen.
Europa darf nicht nur regulieren
Für mich hat dieser Besuch deshalb auch eine sehr wirtschaftspolitische Dimension.
Wer künftig über leistungsfähige KI, Rechenkapazitäten, Daten und digitale Infrastruktur verfügt, besitzt nicht nur einen wirtschaftlichen Vorteil. Er gewinnt auch politische und strategische Handlungsfähigkeit.
Europa muss deshalb mehr tun, als die Technologien anderer zu regulieren. Wir müssen selbst entwickeln, forschen und investieren.
Hier sehe ich eine große Chance für Nordrhein-Westfalen und insbesondere für das Rheinische Revier. Mit dem Forschungszentrum Jülich, JUPITER, unserer starken Forschungslandschaft und neuen digitalen Infrastrukturen verfügen wir über Voraussetzungen, um an dieser Entwicklung nicht nur teilzunehmen, sondern sie mitzugestalten.
Der Strukturwandel bekommt damit noch eine weitere Dimension: Das Rheinische Revier kann zu einem Standort europäischer technologischer Souveränität werden.
Mein Fazit
Ich komme aus dem NATO Strategic Communications Centre in Riga mit vielen Eindrücken zurück – und auch mit Sorge darüber, wie stark Desinformation und gezielte Einflussnahme unsere Demokratien bereits heute bedrohen. Doch eine Erkenntnis geht für mich noch darüber hinaus.
Besonders beschäftigt mich die „Crisis of Knowledge Authority“ – die Krise der Wissensautorität. KI-Systeme können heute schon so überzeugend formulieren, dass es immer schwieriger wird zu erkennen, welche Informationen tatsächlich belastbar sind. Wenn wir aber nicht mehr wissen, welchen Quellen wir vertrauen können, verlieren wir etwas, das für jede Demokratie unverzichtbar ist: eine gemeinsame Grundlage von Fakten, über die wir anschließend durchaus leidenschaftlich streiten können.
Die nächste Auseinandersetzung um unsere Demokratie wird deshalb nicht allein darum geführt werden, welche Information wahr oder falsch ist. Sie wird zunehmend darum gehen, wer die Systeme kontrolliert, die bestimmen, welche Informationen wir überhaupt sehen – und damit, welche Wirklichkeit uns vermittelt wird.
Für mich folgen daraus drei Aufgaben:
Technologie beherrschen. Demokratie schützen. Menschliche Verantwortung bewahren.
Europa muss technologisch stark und souverän genug sein, diese Entwicklung selbst mitzugestalten. Wir müssen unsere Informationsräume gegen Manipulation schützen, ohne dabei Freiheit und offenen Diskurs einzuschränken. Und bei aller Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz muss eines unverrückbar bleiben:
Am Ende entscheidet der Mensch.
Denn die entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet nicht nur, was KI kann. Sondern auch: Wer kontrolliert sie, auf welcher Grundlage gibt sie uns Antworten – und wem vertrauen wir am Ende?
